15. Juni 2026
Wenn gute Absichten im Training nicht ausreichen...
Wenn ich freundlich mit meinem Pferd bin, aber trotzdem nichts vorangeht
Ich komme im Pferdetraining nicht weiter, obwohl ich eigentlich total freundlich mit meinem Pferd umgehe. Dieser Satz ist mir selbst vor vielen Jahren sehr vertraut gewesen, und er taucht heute bei vielen Reitern und Pferdemenschen wieder auf, die genau an diesem Punkt stehen. Man macht sich Gedanken, man ist bemüht, man will es bewusst anders machen als früher – und trotzdem entsteht kein echter Fortschritt.
Bei mir war es damals so, dass ich ein neues Pferd übernommen habe und mir fest vorgenommen hatte, alles anders zu machen als bei meinem vorherigen Pferd. Das alte Training war eher druckbasiert geprägt gewesen, und ich wollte bewusst einen anderen Weg gehen. Mehr Einbeziehen, mehr Zuhören, mehr Orientierung an moderneren Ansätzen wie unter anderem positiver Verstärkung und einem grundsätzlich freundlicheren Umgang im Training.
Die Absicht war absolut klar und ehrlich gut. Und trotzdem ist genau daraus etwas entstanden, das sich überhaupt nicht mehr stimmig angefühlt hat. Es war kein fließendes Training, sondern eher ein Zustand zwischen Stillstand und Chaos.
Zwischen zu vielen Ideen und plötzlichem Stillstand im Training
Ich habe Phasen erlebt, in denen ich voller Energie war und das Gefühl hatte, ich müsste jetzt alles gleichzeitig umsetzen. Ich hatte viele Ideen, wollte Dinge kombinieren, ausprobieren, weiterentwickeln und war innerlich komplett im „Ich weiß genau, wo es hingeht“-Modus. Gleichzeitig bin ich dabei völlig durchgerannt, ohne dass es wirklich eine klare Struktur gab.
Und dann gab es genau das Gegenteil: Momente, in denen ich plötzlich stehen geblieben bin. In denen ich gemerkt habe, dass irgendetwas nicht passt, aber ich nicht greifen konnte, was genau. Dann stand ich da mit meinem Wissen, mit Methoden, mit Ansätzen – und trotzdem hat sich kein sinnvoller Weg ergeben.
Heute sehe ich klarer, dass mein Problem nicht war, freundlich mit dem Pferd arbeiten zu wollen. Freundlichkeit im Training ist für mich bis heute die absolute Grundlage, das Minimum, ohne das ich gar nicht arbeiten möchte. Aber Freundlichkeit allein ersetzt keine Orientierung.
Wenn Freundlichkeit im Pferdetraining zu People Pleasing wird
Was ich damals lange nicht gesehen habe: Meine „Freundlichkeit“ war nicht nur eine Trainingsentscheidung. Sie hatte auch eine emotionale Komponente. Es ging nicht nur darum, respektvoll und fair mit dem Pferd zu arbeiten, sondern auch darum, dass mein Pferd mich bitte gut finden soll. Dass es mir zustimmt. Dass es mich mag. Dass es unsere Zusammenarbeit bestätigt.
Im Rückblick war da viel mehr drin als reine Freundlichkeit. Es war auch ein Stück People Pleasing im Pferdetraining. Dieser Wunsch, es dem Pferd möglichst recht zu machen, nicht anzuecken, keine Konflikte entstehen zu lassen und gleichzeitig die Vorstellung, dass mein Pferd mir diese Freundlichkeit dann zurückgeben müsste.
Dahinter steckt eine ziemlich starke innere Prägung: Wenn ich freundlich bin, dann muss das Gegenüber auch freundlich reagieren. Und nicht nur im Sinne von respektvollem Miteinander, sondern im Sinne von „es erfüllt meine Erwartungen“. Genau an dieser Stelle entsteht ein Druck, der oft völlig unterschätzt wird.
Wie aus Freundlichkeit im Training unbewusst Druck entsteht
Das Paradoxe war: Ich wollte druckfrei arbeiten und habe gleichzeitig enormen inneren Druck aufgebaut. Nicht bewusst und nicht absichtlich, aber in der Wirkung sehr deutlich. Mein Pferd hat irgendwann begonnen, sich dieser Dynamik zu entziehen. Es hat verweigert, blockiert und schließlich Situationen erzeugt, in denen kaum noch echte Zusammenarbeit möglich war.
Aus meiner heutigen Perspektive war das kein „Problem-Pferd“, sondern eine logische Reaktion auf Orientierungslosigkeit im System. Ich war in meiner eigenen Freundlichkeitswelt unterwegs, ohne klare Richtung, ohne echte Prioritäten und ohne eine saubere innere Struktur, die das Ganze hätte tragen können.
Dazu kam, dass ich mich stark in Methoden verloren habe. Ich wusste viel über Training, über Körperarbeit, über unterschiedliche Ansätze. Ich habe longiert, Handarbeit ausprobiert, Bodenarbeit aufgebaut, mit verschiedenen Konzepten experimentiert und versucht, alles irgendwie sinnvoll zu kombinieren. Aber es war am Ende eher ein Sammeln von Methoden als ein klarer Weg.
Das eigentliche Problem im Pferdetraining ist oft nicht die Methode
Heute würde ich sagen: Mir hat damals nicht Wissen gefehlt. Mir hat auch nicht an Methoden gefehlt. Mir hat Klarheit gefehlt.
Klarheit darüber, warum ich etwas überhaupt tue. Klarheit darüber, wo wir gerade stehen. Und Klarheit darüber, wohin wir eigentlich wollen. Ohne diese Grundlage wird selbst das beste Wissen im Pferdetraining schnell zu einem unruhigen Mix aus Ansätzen, der zwar gut gemeint ist, aber kein stabiles Fundament bildet.
Orientierung entsteht nicht dadurch, dass ich möglichst viele Methoden kenne, sondern dadurch, dass ich mir ehrlich anschaue, wo ich gerade stehe. Und dass ich mir genauso ehrlich die Frage stelle, wo ich hinwill. Nicht als vage Idee, sondern als konkrete Richtung.
Erst daraus kann ich sinnvoll entscheiden, welche Schritte als Nächstes wirklich dran sind. Und plötzlich geht es nicht mehr darum, „die richtige Methode“ zu finden, sondern darum, Fähigkeiten aufzubauen – beim Pferd genauso wie im Training selbst.
Freundlichkeit braucht im Pferdetraining einen klaren Rahmen
Wenn ich heute über freundliches Pferdetraining spreche, dann meine ich damit nicht eine unklare, grenzenlose Nettigkeit. Freundlichkeit ohne Richtung führt schnell zu Unsicherheit, sowohl beim Menschen als auch beim Pferd.
Freundlichkeit braucht einen Rahmen. Sie braucht Ziele, die realistisch und greifbar sind. Und sie braucht eine innere Haltung, die nicht darauf basiert, dass das Pferd mich bestätigen muss, sondern darauf, dass ich Verantwortung für den Trainingsprozess übernehme.
Ein gesundes Training kann freundlich sein und gleichzeitig klar. Es kann das Pferd stärken, ohne es zu überfordern, und gleichzeitig den Menschen in seiner Rolle als Trainer ernst nehmen. Genau diese Verbindung fehlt oft, wenn man an dem Punkt steht, an dem man sagt: „Ich komme nicht weiter, obwohl ich freundlich bin.“
Wenn aus guten Absichten kein Weg wird
Was ich aus meiner eigenen Geschichte mitgenommen habe, ist ziemlich einfach und gleichzeitig unbequem: Gute Absichten reichen im Pferdetraining nicht aus. Freundlichkeit ist wichtig, aber sie ersetzt keine Struktur. Und Wissen ist hilfreich, aber ohne Orientierung verliert es seine Wirkung.
Der entscheidende Schritt ist oft nicht, noch mehr zu lernen, sondern das eigene Training wieder in eine klare Richtung zu bringen. Zu verstehen, was gerade wirklich wichtig ist. Und dann konsequent daran zu arbeiten, statt in vielen Ideen gleichzeitig stecken zu bleiben.
Ein nächster Schritt, wenn du aus dem Stillstand raus willst
Wenn du dich in diesem Gefühl wiederfindest, dass du eigentlich freundlich mit deinem Pferd arbeitest, aber trotzdem nicht weiterkommst, dann liegt der nächste Schritt oft genau hier: nicht noch mehr Methoden, sondern mehr Klarheit.
Genau darüber spreche ich in meinem Workshop Freundlich trainieren reicht nicht*. Dort geht es darum, warum freundliches Training häufig entweder in Stillstand oder in Überforderung kippt und wie du daraus wieder einen klaren, tragfähigen Weg entwickeln kannst.
Es geht darum, wie du ein Training aufbaust, das freundlich bleibt, aber trotzdem Orientierung hat. Ein Training, das dein Pferd körperlich sinnvoll stärkt, mental fördert und gleichzeitig für dich als Mensch nachvollziehbar und umsetzbar bleibt.
* Der Workshop findet in regelmäßigen Abständen statt. Folge dem Link und Du bekommst alle weiteren Informationen und auch den nächsten Termin.

